Mentale Gesundheit im Engagement

Aktuelle Entwicklungen, Belastungsfaktoren und vielseitige Anstöße, um mental gesund zu bleiben

Dem Thema mentale Gesundheit junger Menschen wird spätestens seit der Coronapandemie große Aufmerksamkeit zuteil. Durch verschiedene Altersgruppen und Lebensrealitäten hinweg ist ein Anstieg an psychischen Belastungen zu erkennen. Dieser Beitrag richtet seinen Blick aus wissenschaftlicher und verbandspraktischer Perspektive auf mentale Gesundheit im Kontext von Ehrenamt und Engagement. Er sensibilisiert für Überbelastung im Engagement und stellt Herausforderungen mit möglichen Lösungsansätzen gegenüber. Zentral ist hierbei die Fragestellung, welche Voraussetzungen gegeben sein müssen und wie diese geschaffen werden, um (langfristig) mental gesund und motiviert im Engagement aktiv zu sein.

***Disclaimer: wenn es dir gerade nicht gut geht oder du Hilfe bei Krisen brauchst, wende dich an eine der ganz unten im Beitrag genannten Beratungsstellen***

Psychische Gesundheit junger Menschen heute

Für psychisches Wohlbefinden ist es entscheidend, eine Balance zwischen Belastung und eigenen stärkenden Faktoren zu etablieren. Das Herstellen dieser Balance lässt sich als Prozess betrachten, indem sich Menschen zwischen Be- und Entlastung bewegen. Je stärker eine Person sich als selbstwirksam in der Bewältigung von Herausforderungen erleben kann, desto ausgeprägter ist ihr psychisches Wohlbefinden. Das aktuelle Weltgeschehen, wie zum Beispiel Kriege, Klimakrise oder gesellschaftliche Spaltungstendenzen, kann (nicht nur) bei jungen Menschen zu Verunsicherung führen. Sie sehen sich in einer Lebensphase mit multiplen Krisen konfrontiert, in der parallel individuelle Entwicklungen im Vordergrund stehen.

Gemäß Angaben des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend weist 2026 etwa ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen in Deutschland eine psychische Störung auf. Hierunter fallen unter anderem Erkrankungen wie Ängste, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder Lernstörungen. Entscheidend ist eine frühe Prävention psychischer Erkrankungen, da etwa drei Viertel aller Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter beginnen.

Ein Blick in den „YEP – Jugendbericht Mental Health“ von 2025 macht deutlich, dass insgesamt 72% der befragten Jugendlichen ihr aktuelles emotionales Wohlbefinden als negativ angeben. Junge Menschen benennen dabei unterschiedliche Faktoren. Dazu zählen beispielsweise Gefühle von Ohnmacht im Alltag oder sich im Austausch zu ihrer mentalen Gesundheit nicht ernstgenommen zu fühlen. Einen stark positiven Einfluss auf das Wohlbefinden hat hingegen das Gefühl von Zugehörigkeit.

Fatal ist, dass psychische Belastungen heutzutage noch immer tabuisiert werden. Gemäß dem YEP-Bericht handelt es sich insbesondere für junge Menschen um ein schambehaftetes Thema und kann dazu führen, dass seltener professionelle Unterstützung in Anspruch genommen wird. Gründe hierfür können neben Stigmatisierung der Inanspruchnahme von Unterstützung auch eine Problemleugnung an sich sein.

Lasst uns konkret werden: Belastungsfaktoren im Engagement

Gemäß 6. Deutschen Freiwilligensurvey (2024) engagieren sich fast 40 % der 14- bis 29-Jährigen. Doch wie zeigt sich das Thema der mentalen Gesundheit junger Menschen im Engagement? Hierzu gibt es wenige wissenschaftlich belegte Erkenntnisse. Im Hinblick auf Jugend(verbands-)arbeit lassen sich individuelle, strukturelle sowie organisationsimmanente Faktoren unterscheiden.

Jede Person bringt eine individuelle Lebensgeschichte mit in ihr Engagement. Genau das macht Jugendverbandsarbeit so vielfältig! Zu der eigenen Lebensrealität gehören individuelle Stärken, aber auch persönliche Herausforderungen, die sich mit der jeweiligen Lebensphase verändern und damit auch das Engagement beeinflussen können. Viele junge Menschen befinden sich in Lebensabschnitten wie Schule, Ausbildung oder auch Studium und Einstieg ins Berufsleben. Diese zeichnen sich durch hohe äußere Ansprüche, wie Leistung oder Zeitinvestition, aus, was wiederum das Engagement beeinflusst.

Dies belegt auch der 6. Deutsche Freiwilligensurvey, da 71 % der 14- bis 29-Jährigen zeitliche Belastung als Grund angeben, ihr Engagement zu reduzieren oder zu beenden. Häufig übernehmen junge Menschen in der Jugend(verbands)arbeit ein großes Maß an Verantwortung, ohne dabei (zunächst) über fundierte pädagogische Erfahrung zu verfügen. Auch Konflikte in Gruppen, hohe Selbstansprüche an das eigene Engagement sowie eine Belastung durch eine durchgängige digitale Erreichbarkeit, können als Stressfaktoren wirken.

Strukturelle und organisationsimmanente Faktoren können persönliche Herausforderungen ungünstig verstärken. Insbesondere eine fehlende auskömmliche finanzielle Ausstattung kann Drucksituationen verschärfen. Denn knappe oder fehlende Finanzmittel können dazu führen, dass Arbeit auf wenigen Schultern verteilt werden muss. Dies wiederum kann zu einer Überbelastung bereits engagierter Personen führen. Aber auch fehlende Räumlichkeiten, in denen Gruppenstunden regelmäßig durchgeführt werden können oder bauliche Zustände können zu einem stark erhöhten Organisationsaufwand werden.

Was braucht es, um im Engagement mental gesund aktiv zu sein?

Ehrenamtliches Engagement kann eine enorme Ressource sein und Jugendverbände und -organisationen ermöglichen dazu einen Zugang: Kontakte können gepflegt, eigene Kompetenzen entdeckt und erweitert werden. Darüber hinaus können sich junge Menschen ausprobieren und Verantwortung übernehmen, um nur einige Aspekte der Erfahrungswelt „Jugendverband“ zu benennen. In der Jugendarbeit werden junge Menschen für die Gesellschaft aktiv – das ist nicht selbstverständlich und muss gefördert werden!

Individuelle Strategien: Selbstfürsorge und stärkende Faktoren

Um sich langfristig im Engagement wohlzufühlen und sich einzubringen, ist es wichtig die eigenen Ressourcen im Blick zu behalten. Es gibt vielseitige Ansätze, die euch dabei unterstützen können:

  • Blick auf eigene Ressourcen: Erstelle dir einen Wochenplan, in dem du versuchst realistische Zeitfenster für dein Ehrenamt zu setzen. Bleibt ausreichend Zeit für private Freizeitgestaltung und Pausen? Stehen in den nächsten Wochen wichtige private Termine, wie Prüfungen oder Urlaube an, für die du mehr Zeit einplanen solltest?
  • Teamabsprachen treffen und Aufgaben delegieren: Gibt es Aufgaben, die bei Bedarf durch andere Teammitglieder übernommen werden könnten, um dich zu entlasten?
  • Schulungsangebote wahrnehmen: Gibt es Schulungen bzw. Workshops, die dich dabei unterstützen, benötigte Kompetenzen für dein Engagement zu vertiefen und auf diese Weise deine Handlungssicherheit zu erhöhen?
  • Kollegiale Beratung: Wie ist euer Umgang im Team mit herausfordernden Situationen? Hierfür kann unter anderem die Methode der Kollegialen Beratung unterstützen, gemeinsam Lösungsansätze zu finden.
  • Beratung wahrnehmen: Je nach empfundener Intensität persönlicher Anliegen kann es hilfreich sein, sich professionell beraten zu lassen, um gezielt auf eigene Stressfaktoren und einen Umgang mit ihnen zu blicken. In jeder Kommune gibt es Beratungseinrichtungen, die sich online finden lassen. Mehr Anlaufstellen, die du auch völlig anonym kontaktieren kannst, findest du ganz unten im Beitrag.

Strukturelle Ebene: Rahmenbedingungen gestalten

Organisationen und Verbände tragen Verantwortung dafür, Rahmenbedingungen zu schaffen, die mental gesundes Engagement begünstigen. Hierfür stehen einige Stellschrauben zur Verfügung:

  • Aufgabenverteilung: Nehmt euch regelmäßig Zeit auf die Aufgaben jeder Person zu blicken: Passt der Aufgabenzuschnitt (noch) zu den jeweiligen Präferenzen sowie Lebenssituation? Vielleicht bietet es sich zudem an, Aufgabenpakete projektbezogen auszulagern. Weitere Anregungen zum Thema kurzzeitiges und projektbezogenes Engagement findet ihr in unserem Impuls „Kurz mal anpacken!“
  • Reflexion: Wie ist derzeit eure Teamdynamik und das individuelle Wohlbefinden jede*r Einzelnen? Ergänzend zu einem Austausch im Team, bietet euch der Zweite-Hilfe-Koffer des LJR Berlin konkrete Hilfestellungen zum akuten Abbau von Stress.
  • Qualifizierungsangebote: Zielführend können passende Juleica-Module, z.B. eine Einheit zu Selbstfürsorge oder auch mentaler Gesundheit,
  • Wissensmanagement: Lassen sich Prozesse digitalisieren, um bei einem Wiederholungsevent organisatorische Schritte zu vereinfachen? Im Impuls „Wer schreibt, der bleibt“ gibt es weitere Ideen rund um Wissensmanagement.
  • Organisationskultur: Hilfreich dafür langfristig motiviert zu bleiben und sich als Person gesehen zu fühlen, ist ein offener und grenzachtender Umgang untereinander. Wie ist es um eure Fehlerkultur beschaffen und können alle Personen, die sich gerne einbringen würden, auch mitreden?

Nicht in jedem Jugendverband gibt es hauptamtliche Mitarbeitende, die die Stellschrauben zur strukturellen Verankerung mentaler Gesundheit im Blick behalten können. In einem ehrenamtlich aufgestellten Jugendring könnt ihr gemeinsam prüfen, wie ihr mit Belastungsmanagement umgehen möchtet. Vielleicht habt ihr auch bereits einen guten Modus für euch gefunden oder möchtet den ein oder anderen Aspekt mit in eure Teamrunde integrieren.

So könnte eine Person beispielsweise die Zuständigkeit übernehmen, regelmäßig daran zu erinnern, auf die gemeinsame Aufgabenverteilung zu schauen. Ganz konkrete Schritte zum Umgang in emotionalen Krisen hat der Landesjugendring Brandenburg in einer Broschüre zusammengestellt. Auch gibt es regelmäßig Fortbildungen, die wertvolle Impulse zu mentaler Gesundheit vermitteln, wie z.B. die Fortbildung der Landesakademie für Jugendbildung.

Was jetzt? Empfehlungen für die eigene Praxis zu Selbstfürsorge & Prävention

Jugend(verbands-)arbeit kann sowohl auf subjektive als auch auf strukturelle Faktoren Einfluss nehmen, die junge Menschen nachhaltig in ihrer mentalen Gesundheit stärken. Dabei kann sie unter anderem Raum für Austausch öffnen, begleiten und Qualifizierungen anbieten. Dennoch bleibt es im Kontext mentaler Gesundheit wichtig, professionelle Unterstützung von ausgebildeten Psycholog*innen und Therapeut*innen in Anspruch zu nehmen, sollte diese benötigt werden.

Um jugendfreundliche Räume zu ermöglichen, muss Engagement gut gestaltet sein. Die eigene Organisationskultur ist ein wesentlicher Faktor, um das Wohlbefinden junger Engagierter zu fördern: Wertschätzung und Feedback, Sichtbarmachung von Erfolgen, sich Zeit nehmen für zwischenmenschliche Begegnungen und dabei nicht aus den Augen verlieren, dass jede engagierte Person in eine eigene komplexe Lebensrealität eingebunden ist.

In anderen Worten kann eine empathische Begleitung dazu beitragen, Bindung zu stärken und Motivation aufrechtzuerhalten, um langfristiges Engagement möglich zu machen. Hier setzt die Prozessbegleitung im Projekt The Länd of Young Ehrenamt an. Gemeinsam mit euch kann das ehrenamtliche Fundament eurer Organisation in den Fokus genommen und mögliche Stellschrauben identifiziert werden.

Kinder und junge Menschen benötigen einen vertrauensvollen Raum, in dem Belastung thematisiert werden kann. Jugendverbände und -organisationen können ein solcher Raum sein, der Persönlichkeitsentwicklung ermöglicht. Dabei gilt: Der beste Schutz vor Überlastung ist eine Verbandskultur, in der Grenzen sichtbar gemacht und geachtet werden. Auf diese Weise kann Ehrenamt eine Ressource für Selbstwirksamkeitserfahrungen und ein Beitrag zur Resilienz jedes*r Einzelnen sein.

Für eine adäquate struktureller Rahmung ist eine auskömmliche Finanzierung und Unterstützung seitens politischer Entscheidungsträger*innen bedeutend, um ein nachhaltiges jugendfreundliches Gemeinwesen aufrechtzuerhalten. Um es in den Worten des DBJR-Vorsitzenden Wendelin Haag im Rahmen des Sachverständigenstatements der Kinderkommission des Deutschen Bundestages (2026) zu sagen:

„Eine gute Jugendpolitik muss die Rahmenbedingungen schaffen, die junge Menschen für ein gesundes Aufwachsen benötigen.“

Psychische Belastungen dürfen nicht individualisiert und müssen auf struktureller Ebene beantwortet werden – damit Jugendverbände und -organisationen auch weiterhin ihre Wirkung als demokratische Selbstorganisationen entfalten und junge Menschen sich aktiv in die Gesellschaft einbringen können.

Literatur und Internetquellen

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Deutscher Bundesjugendring. Position. Mentale Gesundheit junger Menschen in Krisenzeiten stärken! Von Deutscher Bundesjugendring (DBJR), Berlin. Online-URL: https://www.dbjr.de/artikel/mentale-gesundheit-junger-menschen-in-krisenzeiten-staerken [Letzter Zugriff: 22.06.2026].

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Fritzsche, Anne; Leven, Ingo; Rysina, Anna; Schneekloth, Ulrich; Wolfert, Sabine. 2025. Freiwilliges Engagement in Deutschland. Zentrale Ergebnisse des Sechsten Deutschen Freiwilligensurveys (FWS 2024). Von Staatsministerin für Sport und Ehrenamt im Bundeskanzleramt, Berlin. Online URL: https://www.bundestag.de/resource/blob/1127166/251213_sechster_freiwilligensurvey.pdf [Letzter Zugriff: 22.06.2026].

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Moll, Alexandra; Kirchberg, Julia. 2023. Juleica Modul. Mentale Gesundheit. Von Landesjugendring Brandenburg e.V., Potsdam. Online URL:

https://www.ljr-brandenburg.de/juleica/wp-content/uploads/sites/3/2024/03/Juleica_Modul_mentaleGesundheit.pdf  [Letzter Zugriff: 22.06.2026].

Tietze, Dr. Kim-Oliver. 2026. Kollegiale Beratung in sechs Phasen. Von Dr. Kim-Oliver Tietze, Hamburg. Online-URL:  https://kollegiale-beratung.de/methodik-und-ablauf-von-kollegialer-beratung-in-sechs-phasen.html [Letzter Zugriff: 22.06.2026].

YEP – Stimme der Jugend. 2025. YEP Jugendbericht Mentale Gesundheit. Von YEP – Stimme der Jugend, Berlin/Wien. Online URL: https://yep-works.org/wp-content/uploads/2025/04/20250401_Mental-Health_Jugendbericht_Download.pdf [Letzter Zugriff: 22.06.2026].

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