„Wenn keine Männer dabei sind, wer baut dann eure Zelte auf?“
Diese Frage ist für Bildungsreferentin Selina der Pfadfinderinnenschaft St. Georg (PSG) in Freiburg keine Seltenheit. Die PSG ist ein demokratischer Mädchen*- und Frauen*verband und setzt sich für die Interessen von Mädchen* und Frauen* ein.
Der folgende Beitrag beschäftigt sich aus wissenschaftlicher und verbandspraktischer Perspektive damit, wie sich weibliches Engagement ausgestaltet. Der Impuls will den Blick schärfen und der Frage nachgehen, wie Jugend(verbands-)arbeit stärker an Bedürfnissen junger Frauen* ausgerichtet werden und somit einen Beitrag zur Auflösung geschlechtsspezifischer Ungleichheit leisten kann.
Warum braucht es einen Fokus auf das Engagement junger Frauen* und Mädchen*?
Am 8. März wurde der internationale Frauentag, auch feministischer Kampftag genannt, gefeiert. Er appelliert an Geschlechtergerechtigkeit und Frauenrechte und wird weltweit genutzt, um auf Frauenrechte und Ungleichbehandlung von Frauen* aufmerksam zu machen.
In den letzten Jahren lässt sich eine Sensibilisierung hinsichtlich Frauenrechten und damit verknüpften Themen, wie geschlechtsspezifischer Gewalt, erkennen. Und dennoch ist der Alltag von weiblich gelesenen Personen überdurchschnittlich häufig von diskriminierenden Erfahrungen geprägt. Darüber hinaus sind sie in vielen gesellschaftlichen Bereichen unterrepräsentiert.
Auch deshalb hat es sich der Landesjugendring Baden-Württemberg zum Ziel gesetzt, in seiner Arbeit FLINTA*[1]-Personen besonders in den Blick zu nehmen und sich für eine gleichberechtigte Teilhabe einzusetzen. Im Jahr 2025 wurde hierzu die Position „Gleichstellung von FLINTA*-Personen in Baden-Württemberg“ verabschiedet. Junge Menschen sollen zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Geschlechterklischees angeregt werden und ihre eigene Identität selbstbewusst entwickeln können.
Trotz einzelnen Prozessen wie einer Verringerung des Gender Pay Gaps in Deutschland, gibt es auf dem Weg hin zu einer Gleichstellung der Geschlechter noch einiges zu tun und das, obwohl die Gleichstellung aller Menschen unabhängig vom Geschlecht ein universelles Menschenrecht ist. Im familiären und beruflichen Bereich existieren weiterhin erhebliche Barrieren für Frauen* und Mädchen*. Dies wird auch in der Ausgestaltung von Engagement deutlich und soll nachfolgend näher erläutert werden. Doch welche Unterschiede lassen sich im Engagement von weiblich und männlich gelesenen Personen identifizieren?
Weiblich gelesenes Engagement in Zahlen
Der Sechste Deutsche Freiwilligensurvey (FWS 2024) mit Befragten ab 14 Jahren erhebt Daten u.a. mit Blick auf Geschlecht[2] und Engagement. Interessant ist, dass die Engagementquote zwischen Männern* und Frauen* in der Studie von 2024 nahezu gleichauf lag: engagieren sich bundesweit 37 % der Männer*, sind es bei den Frauen* 36,4 %.
Im Laufe der Lebensspanne werden jedoch Unterschiede deutlich: zwischen 30 und 49 Jahren engagieren sich Frauen* anteilig häufiger, während ab 75 Jahren Männer* stärker ehrenamtlich aktiv sind. Auffällig ist, dass eine Korrelation zwischen der weiblichen Engagementquote und Teilzeitbeschäftigung festzustellen ist. So ist insbesondere bei Frauen*, die mit Kindern unter 14 Jahren im Haushalt leben, ein Rückgang von 50,4 % in 2019 auf 43,9 % in 2024 in der Engagementquote zu erkennen. Bemerkenswert ist, dass sich Frauen* in Haushalten mit Kindern unter 14 Jahren mehr engagieren als Frauen* in Haushalten, in denen keine Kinder unter 14 Jahren leben. Dies lässt sich gemäß der Erhebung unter anderem mit einer Beteiligung in der Lebensrealität der Kinder, wie Kindergarten oder Schule, begründen.
Genderspezifische Ausgestaltung von freiwilligem Engagement
Mit Blick auf gesellschaftliche Engagementbereiche in den zentralen Ergebnissen des FWS 2024 auf Seite 26 sticht hervor, dass Mädchen* und Frauen* eher in als sozial assoziierten Feldern aktiv sind. Dazu gehören sozialer Bereich, Schule und Kindergarten oder kirchlicher und religiöser Bereich.
Das Engagement von Jungen* und Männern* überwiegt in Feldern wie Sport und Bewegung, Unfall- oder Rettungsdienst, Politik und politische Interessenvertretung oder auch berufliche Interessenvertretung außerhalb des Betriebs. Dies könnte auf tradierte Geschlechterrollen und damit einhergehende Zuschreibungen zurückzuführen sein. In einigen gesellschaftlichen Bereichen liegen die Engagementquoten wiederum weitestgehend gleich auf. Dies trifft z.B. auf die Bereiche „Kultur und Musik“, „Freizeit und Geselligkeit“ oder auch „Ökologie und Klimaschutz“ zu.
Bezogen auf den organisatorischen Rahmen der freiwilligen Tätigkeit geht aus dem FWS 2024 hervor, dass sich Männer* öfter in Vereinen engagieren. Dies lässt sich insbesondere damit erklären, dass sie häufiger im Bereich Sport und Bewegung aktiv sind, der wiederum regelmäßig in Vereinen gelebt wird.
In Verbänden wiederum gibt es keinen Unterschied in der Engagementquote von Frauen* und Männern*. Darüber hinaus üben Männer* häufiger Leitungs- und Vorstandspositionen aus, was wiederum mit der Erhebung zur Präsenz in Vereinen zusammengedacht werden kann. Auch geht mit einer Erhöhung der Verantwortung in der freiwilligen Tätigkeit ein Anstieg des Zeitaufwandes einher.
Neben der zeitlichen Komponente spielen gemäß den zentralen Ergebnissen aus dem Sechsten Deutschen Freiwilligensurvey 2024 auch das eigene Netzwerk sowie Erfahrungswissen eine Rolle in der Entscheidung eine Leitungsposition zu übernehmen. Eine Studie zu „Freiwilligem Engagement von Frauen und Männern“ aus dem Jahr 2017 stellt die Hypothese auf, dass unter anderem weibliche Rollenzuschreibungen oder statistische Diskriminierungen im Zusammenhang mit der Repräsentation von Frauen* in Leitungspositionen stehen. Übertragbar ist dieses Phänomen aus dem Erwerbsleben, in dem höhere Posten ebenfalls seltener von Frauen* ausgeführt werden.
Engagement ganz praktisch: Einblicke in die Arbeit der PSG
Wie zeigen sich die aufgeführten Erkenntnisse nun ganz konkret im Hinblick auf weiblich gelesenes Engagement in der Jugend(verbands-)arbeit? Die nachfolgenden Einblicke basieren auf einem Austauschgespräch mit Selina vom Mädchen*verband, der Pfadfinderinnenschaft St. Georg Freiburg (PSG).
Die PSG zielt in ihrer Arbeit darauf ab, klassische Geschlechterrollen aufzubrechen. Dabei handlungsleitend sind Solidarität und Empowerment. So lässt sich auch die Nachfrage zum Aufbau von Zelten zu Beginn dieses Beitrags verstehen. Junge Frauen* und Mädchen* sollen empowert werden, ihre Kompetenzen zu erweitern und neue Fähigkeiten in einem geschützten Rahmen zu entdecken. Sie dürfen und sollen sich etwas zutrauen und sich selbst in einem Raum entfalten, in dem individuelle Grenzen gewahrt und unterschiedliche Meinungen ernst genommen werden. Einige ältere Pfadfinderinnen berichten, dass sie sich durch die Aktivitäten in der PSG persönlich weiterentwickelt haben. Ihnen wurden neue Perspektiven eröffnet, wodurch sie z.B. Berufe ergriffen haben, die nicht typischen Rollenbildern entsprechen.
Selina beschreibt, dass viele junge Menschen Lust hätten, etwas Neues auszuprobieren und sich deswegen bei der PSG engagieren. Neben dem pfadfinderischen Grundprinzip „Learning by doing“, der Gestaltung von Gruppenstunden sowie Erlebnissen in der Natur, finden auch weiblich zugeschriebene Aktivitäten ihren Platz. Dazu gehören bspw. die Herstellung von Lippenbalsam oder Töpfern. Richtungsweisend für die Aufbereitung von (Gruppen-)aktivitäten sind die geäußerten Interessen und Bedarfe der jungen Frauen*.
Nach Selinas Empfinden herrscht eine große Grund-Offenheit und Wertschätzung untereinander. Weibliche Bedürfnisse werden aktiv in den Vordergrund gerückt, z.B. wenn es um die Frage geht, wie ein Sommerlager so gestaltet werden kann, dass sich alle wohlfühlen können. Wie kann z.B. sichergestellt werden, dass junge Frauen* trotz fehlender befestigter Toiletten das Wechseln eines Tampons so durchführen können, dass sie es als hygienisch erleben? Das ist nur ein Beispiel von vielen, in dem sich zeigt, mit welcher Selbstverständlichkeit und welchem Vertrauen Themen angesprochen werden können, die gesamtgesellschaftlich (eher noch) tabuisiert sind. Ein wesentlicher Gelingensfaktor für diesen wertschätzenden und offenen Umgang sei eine Wissensweitergabe „über Generationen hinweg“. PSGler*innen haben eine Vorbildfunktion und es wird stets reflektiert, wie bestehende Angebote so weiterentwickelt werden können, dass sie über weibliche Stereotype hinausgehen.
Der Vorbildcharakter zeigt sich auch in der Übernahme von Ämtern innerhalb der PSG. Da es sich dabei um ausschließlich weibliche gewählte Personen handelt, kann erfahren werden, dass Mädchen* und junge Frauen* selbst die Kompetenzen und das Standing besitzen, diese Funktionen auszufüllen.
Zudem führt die PSG eigene Leiterinnenschulungen durch, in denen auch gezielt Inhalte zu Frauen* und Mädchen* gesetzt werden. Dazu gehören ein Blick in die Geschichte und die Entwicklung von Frauenrechten sowie weibliche Zuschreibungen und Geschlechterklischees heutzutage.
Was jetzt? Empfehlungen für die eigene Praxis
In Bezug auf das Engagement junger Frauen* und Mädchen* lassen sich einige Forderungen aufstellen, die sich direkt an politische Entscheidungsträger*innen richten und auf rechtlich-struktureller Ebene umgesetzt werden müssten. Die Herstellung einer besseren Rahmung für die Vereinbarkeit von Care-Arbeit, Beruf und Engagement stellt dabei nur ein Beispiel dar. Doch welche Impulse können konkret in die Jugend(verbands-)arbeit mitgenommen werden?
Die Ausgestaltung von Engagement junger Frauen* und Mädchen* kann dann wirkungsvoll sein, wenn sie über einen symbolischen Charakter hinausgeht und konkrete Empowerment-Strukturen schafft. Zudem ist es bedeutend, Mädchen* und junge Frauen* nicht als homogene Gruppe zu betrachten. Menschen sind individuell unterschiedlich mit ihren Bedürfnissen, Kompetenzen und Interessen.
Reflexionsfragen & Impulse für die Praxis
Strukturen: Mehrheitlich sind es Frauen*, die insbesondere in den ersten Lebensjahren für die Kinderbetreuung zuständig sind.
Wie lassen sich familiäre Verpflichtungen und Care-Arbeit in der zeitlichen Ausgestaltung eurer Angebote berücksichtigen?
Welche Engagementmöglichkeiten bietet ihr insbesondere jungen Müttern?
Safer Spaces: Aktuell leben wir in einer Gesellschaft, in der Schutzräume für verschiedene Personengruppen essentiell sind, um sich entfalten und einbringen zu können.
Wen erreicht ihr mit euren Angeboten? Ggf. lohnt es sich, zu überprüfen, ob Angebote für verschiedene Interessen und Bedürfnisse getrennt voneinander stattfinden könnten?
Wie thematisiert ihr Rollenzuschreibungen? Entscheidend ist, Repräsentation zu ermöglichen (siehe Impulsbeitrag zu „Zugangschancen fürs Engagement“). Wie wäre es, wenn auf der nächsten Freizeit Mädchen* das Feuer anmachten und Jungen* für den Küchendienst eingeteilt wären? Auf diese Weise könnten Geschlechterklischees aufgebrochen werden.
Partizipation: Mädchen* und junge Frauen* übernehmen tendenziell seltener Leitungspositionen oder Vorstandsämter in Vereinen.
Wie lässt sich Raum für Austausch schaffen? Welche Settings – z.B. Leiterrunde – habt ihr, um euch über Aspekte weiblichen Engagements auszutauschen?
Wie sind eure Gremien hinsichtlich einer Geschlechterverteilung ausgestaltet? Wie könnt ihr junge Frauen*und Mädchen* empowern in Gremien mitzuarbeiten und Leitungsfunktionen zu übernehmen?
Veränderungsprozesse anzustoßen erfordert Bereitschaft und kostet Kraft. Doch durch eine Auseinandersetzung mit bestehenden Strukturen, lassen sich auch im Kleinen Stellschrauben identifizieren, um das Engagement von Mädchen* und jungen Frauen* nachhaltig zu fördern. Ihr könnt bestimmt auf einen großen Fundus an Materialien und Methoden zurückgreifen. Nehmt euch gerne einmal die Zeit und überprüft, ob ihr bestimmte Ansätze bezüglich Geschlechtervielfalt weiterentwickeln könnt. Eure Haltung ist dabei entscheidend!
Legende
[1] FLINTA* ist ein Akronym, das für Frauen, Lesben, Inter*, Nicht-binäre, Trans* und Agender-Personen steht.
[2] In 2024 wurde im Rahmen der Erhebungen des Freiwilligensurveys das Geschlecht (weiblich, divers, männlich) abgefragt. Im Bericht wird die Kategorie „divers“ nicht aufgeführt, da es sich um eine zu geringe Fallzahl handelte. Die Anonymität der Gruppe wäre nicht gewährleistet gewesen (n= 44 Personen), weswegen eine randomisierte Zuteilung der Ergebnisse der 44 Personen auf die beiden Kategorien „weiblich“ und „männlich“ vorgenommen wurde.
Literatur und Internetquellen
Deutscher Frauenrat. 2021. Positionspapier. Ehrenamtliches Engagement von Frauen in Verbänden, Vereinen und Parteien für Demokratie und Gesellschaft. Von Fachausschuss „Ehrenamt sichern, fördern und aufwerten“. Online URL: https://www.frauenrat.de/wp-content/uploads/2021/11/Deutscher-Frauenrat-Positionspapier-Ehrenamt.pdf [Letzter Zugriff: 17.03.2026].
Fritzsche, Anne; Leven, Ingo; Rysina, Anna; Schneekloth, Ulrich; Wolfert, Sabine. 2025. Freiwilliges Engagement in Deutschland. Zentrale Ergebnisse des Sechsten Deutschen Freiwilligensurveys (FWS 2024). Von Staatsministerin für Sport und Ehrenamt im Bundeskanzleramt, Berlin. Online URL: https://www.bundestag.de/resource/blob/1127166/251213_sechster_freiwilligensurvey.pdf [Letzter Zugriff: 20.03.2026].
Hans Böckler Stiftung. 2025. Auf einen Blick. Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit. Von Hans Böckler Stiftung. Online URL: https://www.boeckler.de/de/auf-einen-blick-17945-studien-zu-gleichstellung-und-geschlechtergerechtigkeit-21085.htm [Letzter Zugriff: 17.03.2026].
Internetredaktion der LpB BW. 2026. Dossier Internationaler Frauentag. 8. März 2026. Von Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. Online URL: https://www.lpb-bw.de/08-maerz-frauentag [Letzter Zugriff: 17.03.2026].
Kausmann, Corinna; Vogel, Claudia; Hagen, Christine; Simonson, Julia. 2017. Freiwilliges Engagement von Frauen und Männern. Genderspezifische Befunde zur Vereinbarkeit von freiwilligem Engagement, Elternschaft und Erwerbstätigkeit. Von Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin. Online URL: https://www.bmbfsfj.bund.de/resource/blob/118460/1a128b69e46adb3fa370afc4334f08aa/freiwilliges-engagement-von-frauen-und-maennern-data.pdf [Letzter Zugriff: 17.03.2026].
Landesjugendring Baden-Württemberg e.V. 2025. Positionspapier Gleichstellung von FLINTA*-Personen in Baden-Württemberg. Beschluss der Vollversammlung, Stuttgart. Online URL: https://www.ljrbw.de/beschluesse/volltext/positionspapier-gleichstellung-von-flinta-personen-in-baden-wuerttemberg [Letzter Zugriff: 20.03.2026].
Pfadfinderinnenschaft St. Georg. 2025. Über uns. Was uns ausmacht. Von PSG-Diözesanstelle. Online URL: https://psg-freiburg.de/ueber-uns/was-uns-ausmacht/ [Letzter Zugriff: 19.03.2026].