Auch in Zukunft mit UNS!

Jugendbeteiligung und Wahl ab 16: Rückblick und Ausblick

In Sachen Jugendbeteiligung ist in Baden-Württemberg vieles in Bewegung: Durch die Änderung der Gemeindeordnung (§41a GemO) und des Schulgesetzes sowie die Absenkung des Wahlalters bei Kommunalwahlen auf 16 Jahre haben die Jugendlichen mehr Mitsprachemöglichkeiten bei der Gestaltung ihres Lebensumfeldes. Mitbegleitet wurde dieser Prozess durch das Projekt „In Zukunft mit UNS!“, das nun nach drei Jahren Laufzeit abgeschlossen wurde. Dies haben wir zum Anlass genommen, gemeinsam mit Akteuren und Aktiven der Jugendbeteiligung in der Veranstaltung „Auch in Zukunft mit UNS!“ am 16.06.2016 eine Bilanz zu ziehen und den Blick auf die Zukunft der Jugendbeteiligung und ihre Erfolgsfaktoren zu richten.

Die Veranstaltung wurde eröffnet mit einem Podiumsgespräch zum Thema „Jugendbeteiligung im Wandel – Auswirkungen, Chancen, Praxiserfahrungen“. In Workshops wurden zum einen die zentralen Projekterfahrungen mit den Beteiligungsorten Schule, Politik, Jugendgruppe und Kommune aufgegriffen und zum anderen Visionen, Ziele und Voraussetzungen einer gelingenden Jugendbeteiligung entwickelt. In der Abschlussdiskussion galt es, diese Ideen mit Praktikern aus dem Feld zu diskutieren und sich auf konkrete Botschaften und nächste Schritte zu einigen.

Die Ergebnisse der Workshops im Überblick

  • Die Arbeitsgruppe „Wahl ab 16“…
    … sprach sich für eine milieusensible Jugendarbeit aus. Nur hierdurch könne erreicht werden, dass Jugendliche unabhängig von ihrer sozialen Herkunft in den öffentlichen Meinungsbildungsprozess einbezogen werden. Zudem wurde hier die Forderung laut, auch bei Landtagswahlen das Wahlalter auf 16 Jahre abzusenken.
  • Die Arbeitsgruppe „Jugendbeteiligung in der Kommune“…
    … forderte eine landesweite Koordinierungsstelle zur Umsetzung des neuen Jugendbeteiligungsparagraphen 41a der Gemeindeordnung. Diese könne Beratungs- und Unterstützungsleistungen bei der Umsetzung der neuen Regelung anbieten sowie Multiplikatoren und Multiplikatorinnen ausbilden. Weiterhin befürwortete die Arbeitsgruppe die verbindliche Einrichtung von Jugendbeauftragten auf kommunaler Ebene, um Jugendbeteiligung als Querschnittsthema fest in die Verwaltungsabläufe zu integrieren.
  • Die Arbeitsgruppe „Beteiligung in der Jugendgruppe“…
    … hielt es für unerlässlich, Jugendgruppen als Erfahrungsraum für Selbstbestimmung weiter zu stärken. Hierzu sei es notwendig, geeignete Methoden, positive Erfahrungen und Best Practice-Beispiele für die selbstorganisierte Jugendarbeit zu bündeln und den Wissenstransfer unter den beteiligten Akteuren sicherzustellen. Auch hierbei könne eine landesweite Koordinierungsstelle mittels geeigneter Schulungs- und Qualifizierungsangebote unterstützend tätig werden.
  • Die Arbeitsgruppe „Jugendbeteiligung in der Schule“…
    … befürwortete eine vielfältige Beteiligungskultur in der Schule und sprach sich dafür aus, dem Thema Beteiligung bereits im Lehramtsstudium mehr Raum zu geben sowie Weiterbildungen für Lehrkräfte anzubieten. Zudem wurde der Wunsch geäußert, dass in der Schule eine Lehrkraft als feste Ansprechperson für den Bereich Partizipation im Schulalltag zuständig ist.
  • Die Arbeitsgruppe „Vernetzung“…
    … betonte insbesondere die Notwendigkeit eines umfassenden Wissenstransfers. Gute Ideen und Umsetzungsbeispiele zum Thema „Beteiligung“ mit unterschiedlichen Zielgruppen gebe es an vielen Stellen im Land. Oft seien diese beispielhaften Beteiligungsstrukturen jedoch vom Engagement einzelner Personen abhängig. Die Gruppe bekräftigte deshalb die Einrichtung einer landesweiten Koordinierungsstelle und schlug vor, eine „Multiplikatoren-Akademie“ sowie eine zentrale Datenbank auf Landesebene einzurichten.

In Zukunft…

Die Diskussionsergebnisse und Projekterfahrungen können auf 5 Empfehlungen für eine gelingende Jugendbeteiligung in Schulen, Verbänden, Kommunen, Kirchen und in der Politik zugespitzt werden:

  1. Jugendbeteiligung ist mehr als Wählen. Jugendliche können an vielen Orten ihres Lebensumfeldes (Schule, Kommune, persönliches Umfeld) positive Beteiligungserfahrungen machen. Deshalb ist Jugendbeteiligung eine gesellschaftliche Zukunftsaufgabe, die über Institutionen hinweg gedacht und im Alltag verankert werden muss.
  2. Jugendliche sollten schon früh in ihrem persönlichen Lebensumfeld positive Partizipationserfahrungen machen und mit der Übernahme von Verantwortung experimentieren können. Der nicht-schulische und nicht-formalpolitische Rahmen von Vereinen und Verbänden ist hierfür bestens geeignet.
  3. Jede Kommune sollte ihren eigenen, passgenauen Ansatz für Jugendbeteiligung finden. Über stabile Landesprogramme und eine landesweite Koordinierungsstelle für Jugendbeteiligung können Ideen, Informationen und Strategien in die Kommunen transferiert werden.
  4. Um Jugendbeteiligung zu stärken, ist es notwendig, dass die einzelnen Akteure wie Schulen, Jugendverbände, Jugendringe, Kommunen und die Jugendsozialarbeit eng zusammenarbeiten und ihre Kräfte bündeln. Stabile Netzwerke, gut qualifizierte und engagierte Multiplikatorinnen und Multiplikatoren sowie eine Kultur des Gehörtwerdens sind zentrale Voraussetzungen für das Gelingen von Beteiligungsverfahren.
  5. Zukünftige Initiativen zur Jugendbeteiligung müssen sowohl bereits motivierte Jugendliche erreichen, als auch stille Gruppen berücksichtigen. Hierzu ist es notwendig, die Akteure und Erfahrungen der Jugendsozialarbeit und der mobilen Jugendarbeit (z.B. Streetworker) verstärkt einzubeziehen.

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