31 Jahre beim Landesjugendring Baden-Württemberg

Eva Reinhardt geht am 31.03. in Rente. Aber vorher blickt sie noch einmal zurück

Das papierne Zeitalter: Elisabethenstr. 13, Stuttgart West, LJR Geschäftsstelle 5. Mai 1986. Der Anblick des Arbeitsplatzes: beeindruckend. Eine Wand vom Boden bis zur Decke randvoll mit Landesjugendplan-Anträgen, zu dieser Zeit natürlich alles Einzelanträge. Mein Einsatz kam quasi durch einen Notfall, da meine Vorgängerin sich unerwartet und plötzlich – und vor Bearbeitung der Anträge – dauerhaft verabschiedet hatte.

An diesem historische Datum wurde für mich sofort die Atmosphäre im LJR Team spürbar. In der Mittagspause plünderten wir die Regale im nahen Supermarkt nach älteren Milchprodukten und diskutierten die Katastrophe. Das Problem wurde bewältigt – das war erst der Anfang.

Die 80er

In meinen beiden ersten Jahren hatte der LJR ein Projekt namens „Tour de Politik“. Ab Stuttgart wurde ein Sonderzug gemietet, in den an jeder Station Abgeordnete des Landtages einsteigen konnten. Der Vorstand, mit Unterstützung aus unseren Mitgliedsorganisationen, erhielt je ein Abteil für Begegnungen und Diskussionen. Die Idee des „Politikzugs“ ist nicht verjährt…

Die Geschäftsstelle residierte bis dahin in einem schönen Garten mit Terrasse, in einer ruhigen Seitenstraße. Zwei Jahre später war diese Idylle leider vorbei, die nebenan gelegene Augenklinik hatte Expansionspläne und wir mussten weichen. Nächste Station 1988: Alexanderstr. 9B in Stuttgart Ost. Ein altes Bürgerhaus mit Stuckdecken.

Die offizielle Visitenkarte des Vereins war damals die Zeitschrift Konturen, die der LJR herausgegeben hat. Gearbeitet wurde noch mit Schreibmaschine (inzwischen elektrisch), Schnippelbildern und ähnlichem… aus digitaler Sicht tiefstes Mittelalter.

Ein bedeutsames Ereignis war der Besuch von Gorbatschow in Stuttgart. Vertreter des LJR durften beim Empfang dabei sein.

Die 90er

Politisch war dies die Zeit des Ministers Gerhard Mayer Vorfelder und des MP Erwin Teufel. Der LJR hatte mit beiden Politikern das Vergnügen. Der Finanzminister besuchte eine Vollversammlung des LJR in Stuttgart und unsere damalige Vorsitzende Gaby Bungartz hatte eine Audienz beim Ministerpräsidenten. Ein wortwörtlicher Knoten im Taschentuch sollte helfen, die Jugendarbeit nicht zu vergessen.

Irgendwie scheint es genutzt zu haben, 1998 bekam der LJR die erste Enquêtekommission im Landtag, die Jugend-Enquête-Kommission „Jugend – Arbeit – Zukunft“. Vertreter des LJR war übrigens ein gewisser Peter Martin Thomas.

1992 große Feier in Karlsruhe, „im wilden Süden“ mit der Fanal Rhythm Section am Abend: 40 Jahre Landesjugendring. 1993 liftet der LJR sein öffentlichkeitswirksames Erscheinungsbild. Das Kurzinfo bekommt ein neues Titelblatt und der LJR ein neues Logo. Im Jahr 1994 war der LJR dann infolge Kürzung des institutionellen Zuschusses in einer finanziellen Zwangslage. Wir mussten einen Appell an unsere Mitglieder richten, der Geschäftsstelle mit Büromaterial auszuhelfen, damit die Arbeit fortgesetzt werden konnte. Das war dann auch öffentlichkeitswirksam peinlich.

In den 90er Jahren unternahm der LJR einmal im Jahr die sogenannte Zeltlagerfahrt zusammen mit den Jugendpolitischen Sprechern. Meine Aufgabe war es dabei, nach Datenrecherche aus den Anträgen für Pädagogische Betreuer, verschiedene Verbände zu kontaktieren, die bereit waren, einen Besuch mit den Abgeordneten zu arrangieren. Mangel an Engagement gab es eigentlich nie. Drei Besuche an diesem Tag waren möglich, was geografisch nicht immer ganz einfach war.

Und nicht zu vergessen, der Dauerbrenner der 90er: das Thema verwaltungsvereinfach. Daraus haben sich irgendwann fast familiäre Strukturen entwickelt. Man traf sich regelmäßig mit Vertreter*innen aus dem Ministerium und den Regierungspräsidien: Jeder kannte seinen Text schon auswendig, als Protokollantin fällt das auf. Diskutiert wurde zwar ergebnisoffen, aber leidenschaftlich – und dann bis zum nächsten Mal.

Im neuen Millenium

Zunächst gab es den Umzug auf den Pragsattel – mit Begeisterung ins Chaos. Die Büros waren noch Trockenbauträume der schlaflosen Nächte des Architekten. Vorerst haben wir im alten Teil des Hauses Zuflucht gefunden.

Mein Sachgebiet waren zu dieser Zeit die Förderprogramme Landesjugendplan und das Kurzinfo. Ich hatte viele Kontakte zu unseren Mitgliedern, einige meiner Ansprechpartner von damals haben sich inzwischen auch schon aus dem aktiven Dienst verabschiedet.

Ab diesem Zeitpunkt entwickelte sich der LJR strukturell schnell weiter. Auch mein Arbeitsgebiet änderte sich rasant.

2001: die Kommission Verwaltungsvereinfachung lebt noch, es zeigen sich erste Erfolge. Es gab viele Gespräche mit Vertreter*innen aus Politik und Jugendarbeit und Jugendhilfe. Dr. Schavan war Kultusministerin und hat auch zweimal an einer Vollversammlung teilgenommen. Die Krise der 90er nicht vergessen, aber überlebt – der LJR feiert sein 50-jähriges Jubiläum in der Villa Berg in Stuttgart. 2006 kündigte Ministerpräsident Oettinger das erste Bündnis für die Jugend an. Der LJR und die anderen Bündnispartner arbeiten intensiv daran. In unseren internen Gremien ist das Thema omnipräsent.

Die erste Ausgabe der „kontur – das jugendpolitische Magazin für Baden-Württemberg“ erscheint 2007, mit dem Thema Wertekommunikation. Ab der zweiten Ausgabe ist es meine Aufgabe, die kontur zu gestalten und zu setzen. Das hat mir viel Spaß gemacht. Ab 2012 wird die kontur aber eingestellt, die finanziellen und die Zeitressourcen sind nicht mehr zu stemmen. Ab 2014 ändert sich mein Arbeitsbereich ändert sich ein weiteres Mal – ich übernehme das Layout für LJR-Publikationen, und betreue zwei Online-Kanäle des Landesjugendrings, die Twitterbeiträge und das Einstellen der Stellenangebote im Jugendarbeitsnetz. Für mich ein wunderbarer Abschluss meiner Tätigkeit für den Landesjugendring.

Durch viele Programme und Projekte, die der Landesjugendrings in den letzten Jahren durchgeführt hat, sind viele Kolleg*innen gekommen und gegangen. Für die Geschäftsstelle des LJRs ist es immer wieder ein Verlust, wenn uns die Projektreferent*innen wieder verlassen. Und in 2016 mussten wir auch noch den unerwarteten Tod von Brigitte, einer langjährigen Kollegin, verkraften.

Zum Glück ist es in den letzten Jahren aber immer wieder gelungen, neue Kolleg*innen zu finden, die gut zu unserem Geschäftsstellen-Team passen und die Atmosphäre bereichert haben. Aus diesem Grund fällt mir der Abschied – auch nach 31 Jahren – schwer.

In diesem Sinne auch ein Gruß in die Mitgliedsorganisationen, an die Menschen die mich noch kennen. Ich werde die weitere Entwicklung der Jugendarbeit ganz sicher fest im Auge behalten. So ziemlich genau ein halbes Leben Landesjugendring – je ne regrette rien 😉

Euch allen eine gute Zeit und viel Erfolg!

Eure Eva